DIE MESSERGRUBE

Die Legende findet ihren Ursprung in den tragischen Begebenheiten der Einwohner von Caderzone unter der Herrschaft der Lodron. Später tauchte die Legende im Volksgerücht über die Bertelli wieder auf. Als der heutige Palast noch ein einziger großer Turm war, der zugleich Sicherheit und Mahnung für die untertänige Bevölkerung aus der Gegend war, schauten die Leute entsetzt auf einen dunklen hängenden Korridor, der die zum Tode Verurteilten vom Wartesaal zum so genannten Gerichtssaal mit dem tödlichen Drehboden führte. Dorthin wurden all jene gebracht, die die Lodron aus dem Wege schaffen wollten. Meistens waren es versäumende Kaufleute, arrogante Besitzer oder unvorsichtige Gegner. Die Unglücklichen wurden in den Herrschaftszimmern eingeladen und trügerisch in höflicher Weise empfangen, sie konnten bei weitem nicht erahnen – vor allem die Fremden – was sie erwartete. Keine Schreie und herzzerreißenden Widerstandszenen oder flehende Bittrufe waren zu hören, nur ein behutsames stilles Staunen, dem nach wenigen Augenblicken ein jähes Ende gesetzt wurde: Die armen Leute fielen plötzlich in eine Grube voll spitzen Messern. Heute noch kann man am Fuße des Palastes, wo einst der Nord-West-Turm stand, den Ort sehen, wo viele Unglückliche einen elenden Tod gefunden haben.

DAS BEUNRUHIGENDE FRESKO

In vergangenen Zeiten war es bei den namhaften und vermögenden Familien üblich, die bedeutendsten Persönlichkeiten oder bekannten Vorfahren portraitieren zu lassen, um die Säle ihrer Häuser mit diesen Bildern zu schmücken. Marco da Caderzone hat die bekannten Baschenis beauftragt, sein Bildnis in all seiner grimmig-stattlichen Reife in einem Fresko in seinem Palast zu verewigen. Der zur damaligen Zeit bekannte Freskomaler Dionisio Baschenis machte sich sogleich an die Arbeit und malte gekonnt den richtigen Ausdruck an die Wand, der den Charakter des anspruchsvollen Auftraggebers hervor hob und das Bildnis des grausamen Menschen Marco drohend und treu wiedergab. Das furchterregende Bildnis, das eine unbeschreibliche Anziehungskraft inne hatte, wurde nach dem Tod des Übeltäters von seinen Söhnen und Enkeln sorgfältig geschützt und aufbewahrt. Für die Bertellis, die auf die Familie De Marco folgte, wurde der unheimliche Zauber dieses Freskos ein unausstehlicher täglicher Alptraum. Marcos starrer Blick wurde für die Bertellis nach kurzer Zeit so abstoßend und schauerlich, dass sie eine Mauer davor errichten ließen, um dem unheilvollen Blick nicht mehr begegnen zu müssen. So erzählt die Legende. Noch einmal bestätigt sich das, was im Volksmund erzählt wird, denn die Mauern des Gebäudes der Lodron bewahren düstere unvorstellbare Geheimnisse. In den darauf folgenden Jahrhunderten wurden im Inneren des Herrenhauses noch viele Mauern errichtet und heute weiß niemand, hinter welcher Mauer sich das verfluchte Bildnis verbirgt.

DIE UMSTRITTENE ERBSCHAFT

Einstmals waren die vom Sarca durchflossenen grünen fetten Wiesen Eigentum einer reichen Familie aus Caderzone. Als der Vater starb, stritten sich die drei Söhne um sein Erbe, da jeder von ihnen die schönsten Wiesen wollte. "Ich war Vaters Liebling" prahlte der Jüngste, "und deshalb hab ich das Recht, als erster zu entscheiden!" "Und ich hab immer mehr als ihr beide zusammen gearbeitet "entgegnete hartnäckig der mittlere Bruder, "und deshalb stehen mir die besten Felder zu! "Hört zu, Freunde" sagte zum Schluss der ältere Bruder, der von allen Dreien der klügste war, "ich habe mich nie bei der Arbeit abgerackert, und das wusste unser Vater sehr gut. Man kann auch sagen, dass ich den Alten nicht sehr geliebt habe, und das wusste er auch. Mir gefallen aber diese Streitigkeiten nicht: Wir verlieren dabei nur Zeit mit Diskussionen und Zankereien und inzwischen verdirbt die Ernte und unsere Tiere verhungern. Also gehen wir so vor: Welche Güter möchtet ihr haben? "Ich will die Salamn-Äcker oben auf dem mittleren Berg!"schrie der jüngere Bruder voreilig. "Und ich will jene von Jamn, denn die sind auch vor den Überschwemmungen des Sarca sicher!" rief der mittlere Bruder. "Einverstanden" sagte der Älteste, "ich begnüge mich mit den Wiesen des Curio, jene längs dem Bache, und den Hof, den ich dort bauen werde, werde ich so benennen!" In der Überzeugung ein gutes Geschäft abgeschlossen und den älteren und dummen Bruder an der Nase herum geführt zu haben, machten sich die beiden jüngeren Brüder sogleich an die Arbeit und innerhalb weniger Monate entstanden der Salamnhof und der Jamnhof. Unten in der Ebene hingegen wurde nach einiger Zeit der Curiohof erbaut, der ein viel solideres und massiveres Gebäude als jene der anderen beiden Höfe aufwies. Eines Nachts löste sich ein Erdrutsch vom Berghang oberhalb des Salamnhofes und vom Gebäude waren nur mehr wenige blutbefleckte Trümmer zu sehen. Einige Wochen später brannte es am Jamnhof, in Kürze blieb vom Haus nichts mehr übrig und der Besitzer samt Familie war ohne Dach überm Kopf. Der Curiohof aber hatte keine Erdrutsche, Brände oder Überschwemmungen zu befürchten: Er überlebte seinen Erbauer, dessen Söhne, Enkelkinder und Urenkel. Heute steht er stolz und stattlich, ruhig und sicher mitten in den Wiesen an den Ufern des Sarca, zur Erinnerung an den längst vergangenen Streit, den derjenige gewonnen hat, der sich von der Weisheit und nicht von Habsucht hat leiten lassen.

DER EINSIEDLER JULIAN

Den genauen Geburtsort unseres Julian kennen wir nicht, wir wissen nur, dass er in einem der vielen kleinen längs den Ufern des Sarcaflusses verstreuten Dörfern des Rendenatales geboren ist. Der junge Julian lebte mit seinen Eltern in einem kleinen Häuschen am Waldrand. Sie führten ein ruhiges Leben, so wie alle anderen Familien im Ort: Sie bestellten ihren Acker und den Garten neben dem Haus, hielten einige Kühe, Schafe und Hennen ... und niemand, aber schon niemand hätte das Unglück vorausahnen können, das bald über die Familie hereinbrechen würde! Alles geschah eines Nachts. Julian schlief nach einem arbeitsreichen Tag nach der Heuernte in seinem Bett, als er plötzlich durch ein jähes Geräusch wach wurde. Jemand versuchte die Haustür von Außen aufzubrechen! Er dachte an seine alten Eltern, die im Nebenzimmer schliefen, und stand auf. Im Dunkeln nahm er einen Stock und ging zur Tür. Ja, da draußen waren Räuber, die weiß Gott was stehlen wollten! Julian fasste den Stock noch fester, atmete tief ein, packte all seine Schneid und seine Kräfte zusammen und öffnete die Tür. In der Finsternis konnte er kaum zwei dunkle Schatten erkennen, die nah beieinander standen, und ohne, dass die beiden ein Wort verlauten konnten, schlug er mit wilder Wut auf sie ein. Bei jedem Schlag hörte er wie die Knochen zerbarsten und die qualvollen Stöhne der Unglücklichen. Dann wurden die zwei Gestalten unter der Zornlawine zu Boden gerissen und bewegten sich nicht mehr. Julian atmete schwer, seine Hände waren blutverschmiert, er ließ den Stock fallen, schloss die Tür und versuchte sich zu beruhigen. Es dauerte eine Weile bis sein Atem wieder regelmäßig wurde und seine Herztöne wieder normal schlugen. Erst dann kehrte er ganz leise in sein Bett zurück, um seine Eltern nicht zu wecken. Die Identifizierung der Räuber hatte er auf den nächsten Tag verschoben. Am Morgen war das Haus unheimlich still. Als er die Augen aufmachte, schaute er bekümmert um sich herum: Wieso war seine Mutter nicht in der Küche beim Frühstück bereiten? Warum hörte er nicht das übliche Geräusch seines Vaters im Geräteschuppen, während er das Morgengebet brummte?

DIE STEINE DES HL. JULIAN

Da tauchte das Erlebnis der Nacht auf und ein Schlag traf sein Herz: Die Räuber, die die Haustür aufbrechen wollten, die Schläge, die er aufs Geratewohl auf den Rücken der Untäter verteilte. Er rannte in die Küche: Sie war leer! Er öffnete die Schlafzimmertür der Eltern: Sie waren nicht da, das Bett war in Ordnung, als ob niemand darin geschlafen hätte. Er schaute aus dem Fester: Ein leichter Nebel schwebte über die Felder und zerbrach an den Wipfeln der Bäume des nahe gelegenen Waldes. Da tauchte plötzlich eine Vorahnung auf, die ihm den Magen sperrte und ihn zur Tür zwang: Mit zitternder Hand fasste er die Türklinke und machte sie auf ... ... seine armen Eltern, die am Vorabend sehr wahrscheinlich einen Spaziergang gemacht hatten, lagen leblos in einer Blutlache, so wie im Leben auch im Tod umarmt. Neben ihnen sah er den blutbefleckten Stock am Boden liegen, mit dem er in der Nacht geglaubt hatte, vorbeiziehenden Übeltätern einen Gedenkzettel zu verpassen! Seine ganze Welt brach zusammen. Der arme Julian schrie vor lauter Schmerz, verhaute sich vor Zorn, schlug mit dem Kopf hin und her, aber es gab wohl keinen Ausweg mehr. Er beerdigte seine armen Eltern, verschloss und verriegelte die Tür des Häuschens und verkaufte das Feld, den Garten und die Tiere. Dann verschenkte er all sein Hab und Gut den Armen des Dorfes. Zum Schluss verließ er das Dorf und man hörte von ihm lange Zeit nichts mehr. Um das unfreiwillig hervorgerufene Leid auszubüßen, hatte Julian beschlossen, sein restliches Leben weit weg von allen Menschen als Eremit zu verbringen. Der auserwählte Ort - heute San Giuliano Seen - befand sich so weit entfernt, dass man von dort weder einen Glockenklang noch einen Hahnenschrei vernehmen konnte. Die Jahre verstrichen und Julian wurde alsbald ein heiliger Mann, bei dem viele Trost und Gnade suchten. Nach dem Tod des Einsiedlers fanden einige Wallfahrer, die sich mitten im Winter zu den Seen begaben, sein Grab voll blühender Rosen! Das war sein letztes Wunder und zu seinem Gedenken wurde eine Kapelle errichtet, die noch heute am Ufer eines der beiden Seen steht.


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